Tann Seavsing

Eine App für KI-Videos bringt eigene Genres hervor – dann verschwindet sie aus dem Internet.

Das ging schnell. Im September 2025 veröffentlichte OpenAI die Video-App Sora: Mit dem Programm konnte man kurze KI-Videos generieren und sie, wie in einem sozialen Netzwerk, sofort im Feed teilen.

Schon im April 2026 nahm das Unternehmen, von dem auch ChatGPT stammt, die App wieder vom
Markt – ohne Gründe zu nennen. Erschienen war sie nur in den USA.

Vielleicht wurde der Ausflug in die sozialen Medien zu teuer: Videogenerierung braucht viel Strom und die schnellsten Prozessoren.

Vielleicht überzeugte das Experiment inhaltlich nicht.

Oder vielleicht war Sora auch einfach zu schnell zu einer der verhasstesten Apps im Internet geworden: Zu viele AI-Slop-Videos, die sich zu dieser Zeit ins Internet ergossen wie eine Flutwelle toxischen Abfalls, trugen das Logo von Sora als Wasserzeichen.

Doch in den nicht einmal sieben Monaten zwischen Auftritt und Verschwinden bildete Sora eigene Themen und Genres aus. Dank einer „Remix-Funktion“ gingen bestimmte Videoarten erst in Serie, dann viral. Etwa die Katzen, die nachts auf einer Veranda mit immer neuen Instrumenten ihre Nachbarn in den Wahnsinn trieben. Ein Klick in der App, und in einem neu generierten Video spielte die Katze Schlagzeug statt Banjo, Alpenhorn statt Bongo.

Im Seminar „Webarchivierung und Webpräsentation“ haben sich Studierende des Studiengangs Zeitbasierte Medien der Hochschule Mainz über die Sora-Bildwelt gebeugt: anthropomorphe Früchte, gewalttätige Chiropraktiker, liminale Räume, dreiste Urheberrechtsverstöße und Häschen auf einem Trampolin. Vieles ist albern, verstörend oder geschmacklos. Und gerade deshalb charakteristisch für die frühe Phase der KI-Videokultur.

Mit der Abschaltung von Sora wurde aus einer lebendigen Plattformkultur über Nacht ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Doch wie bei anderen kurzlebigen Webhypes – Flash, Vine, Second Life –, werden auch ihre Überreste wie Untote weiter  spuken durch das Netz, das nicht vergisst.